Galvanikbetrieb verchromt den Mercedes-Stern

Foto: Beier
Geschäftsführer Thomas Linke (r.) und Ralf Pohlmann, Leiter der Poliererei, sehen der Fertigstellung der neuesten Roboter-Anlage entgegen.
Das Unternehmen Willy Remscheid setzt auf Roboter-Technik, Nachhaltigkeit und saubere Arbeitsplätze.
Von Michael Kremer

HÖHSCHEID

Galvanik – bei manchem Zeitgenossen sträuben sich die Nackenhaare, wenner den Begriff hört. Das Verfahren zur elektrochemischen Oberflächenbehandlung gilt seit jeher als Schmuddelkind und wird vor allem mit Schmutz und Gestank in Verbindunggebracht. Das war einmal. Heute, in Zeiten der Galvanik 4.0, hat sich das Bild geändert. Ein Blick in die Galvanische Anstalt Willy Remscheid belehrt jeden Zweifler eines Besseren. Alles ist sauber und frei von chemischen Gerüchen. Kein Nachbar bekommt mit, was in denFirmengebäuden vor sich geht.

„Wir haben uns vor Jahren das Ziel gesetzt, dass Besucher nicht sofort merken, dass sie in einer Galvanik sind“, sagt Geschäftsführer Thomas Linke. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen deshalb rund 500.000 Euro in Ordnung und Sauberkeit in den Firmengebäuden investiert. Einmal auf den Geschmack gekommen und durch die positive Resonanz der Kunden zusätzlich motiviert, folgten weitere Schritte in Richtung einer nachhaltigen Produktion. Im vergangenen Jahr wurde für 400.000 Euro eine neue Energieanlage mit Photovoltaik und Blockheizkraftwerk gebaut. „Und wir werden weiter in die Umwelt investieren. Wir müssen vernünftig mit den Ressourcen umgehen“, sagt der
Geschäftsführer mit Blick in die Zukunft.

Aus technologischer Sicht hat sie bei Willy Remscheid bereits begonnen. Vor zwei Jahren wurden dort die ersten Roboter angeschafft, um die Galvanik zu automatisieren. „Wir haben mit drei Allround-Anlagen begonnen“, erinnert sich Linke an die Anfänge. Die damit gesammelten Erfahrungen mündeten in weitere Anlagen, die nach den eigenen Bedürfnissen konzipiert wurden. Mittlerweile wird in der Galvanik die dritte Roboter-Generation aufgebaut, die vierte und fünfte Generation sind in der Planung. Etwa 1,5Millionen Euro hat das Unternehmen in diese Technologie investiert.

„Wir automatisieren und digitalisieren sehr viel“, sagt Linke. Dabei weiß er genau, dass ein völlig autonomes Arbeiten nicht zu schaffen sein wird. Einzelne Arbeitsschritte werden weiterhin von Hand gemacht werden müssen. Das beginnt bei der Bestückung der Träger mit Kleinteilen und geht bis zur Endkontrolle. Dabei verlässt sich Linke lieber auf die geschulten Augen seiner Mitarbeiter. „Jedes Teil, das wir galvanisieren, wird einzeln begutachtet“, sagt er.

Trotz der vom Geschäftsführer stetig vorangetriebenen und auch zukünftig geplanten Automatisierung liegt die Zahl der Mitarbeiter seit Jahren konstant bei etwa 100. Daran werde sich voraussichtlich auch in Zukunft wenig ändern. „Wir erweitern uns, ohne zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Linke. Einen Strich durch diese Rechnung könnten ihm allerdings die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen. „Wenn die Autobranche leidet, leiden wir mit“, erklärt Linke.

Denn gut 90 Prozent seiner Kunden kommen aus der Automobilbranche, darunter Bentley, Rolls Royce, Maserati und Lamborghini. Die Stückzahl der für diese Edelmarken
galvanisierten Teile halten sich allerdings in Grenzen. Da spielt Daimler-Benz in der Galvanischen Anstalt Willy Remscheid in einer ganz anderen Liga. „Alle auf den Motorhauben stehenden Mercedes-Sterne aus Metall wurden bei uns galvanisiert“, sagt Linke. Dabei schwingt Wehmut in seiner Stimme mit. „Früher waren es zwei Millionen verchromte Sterne im Jahr, heute nur noch 350.000“, sagt der Geschäftsführer. Die anderen sind aus Kunststoff.

-> Orginal Artikel Solinger Morgenpost vom 20.3.2019